Großbritannien wird zum Drittland

Veröffentlicht am 19. APR 2017

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Am 29. März 2017 hat die britische Premierministerin Theresa May offiziell den EU-Austritt Großbritanniens gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags beantragt. Nun beginnt ein zweijähriger Verhandlungsmarathon zum zukünftigen Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien.

Durch vorgezogene Unterhauswahlen, die für Anfang Juni angesetzt sind, möchte Premierministerin May ein möglichst klares Mandat für die Verhandlungen erhalten. Zugleich haben sich die übrigen EU-Mitgliedstaaten bei einem Gipfeltreffen am 29. April 2017 auf deutliche Verhandlungsleitlinien für den Brexit geeinigt. Das Ergebnis der Verhandlungen ist bisher völlig offen:

Ein Verbleib Großbritanniens in der Zollunion erscheint als unwahrscheinlich. Bei einem „harten“ Brexit, also einem zukünftigen Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU ohne weitgehendes Freihandelsabkommen, würde Großbritannien zu einem normalen Drittland – und würde sich zollrechtlich zunächst nicht von den USA oder China unterscheiden.

Sollten die britischen Wähler bei den vorgezogenen Parlamentswahlen überwiegend EU-freundlich abstimmen, steigen die Chancen eines „weichen“ Brexit, der die Vorzüge des derzeitigen Binnenmarktes für beide Seiten weitestgehend aufrechterhalten könnte. Großbritannien und die EU werden vermutlich ein Freihandelsabkommen abschließen, wie es beispielsweise zwischen der EU und der Schweiz besteht.

Im Falle eines „harten“ Brexit ohne umfassendes Freihandelsabkommen würden EU-Zölle auf britische Waren erhoben, sodass sich die Einfuhr bestimmter Waren aus Großbritannien in die EU erheblich verteuern würde. Gleichzeitig würde auch Großbritannien Zölle einführen, sodass die Ausfuhr europäischer Waren nach Großbritannien mit Mehrkosten verbunden wäre. Die Einführung von Zöllen würde zudem bedeuten, dass für Drittlandswaren, die zunächst in die EU importiert und dann nach Großbritannien weitergeleitet werden, mehrfacher Zoll anfallen könnte. Das belastet auch die Logistik: Längere Lieferzeiten, umfangreiche Kontrollen und eine zeitaufwendige Zollabwicklung sind vorprogrammiert.

Selbst wenn es zum Abschluss eines Freihandelsabkommens kommt, dürfte der Verwaltungsaufwand des Warenaustauschs erheblich steigen. Für Warenlieferungen nach Großbritannien müssten Zollanmeldungen abgegeben und Sicherheiten geleistet werden, britische Behörden könnten umfangreiche Kontrollen vornehmen. Auch im Falle eines Freihandelsabkommens muss daher mit längeren Lieferzeiten und höheren Kosten gerechnet werden. Weitere unvorhergesehene Kosten entstehen, wenn die Zollabwicklung einmal nicht so reibungslos abläuft, wie geplant, weil Güter beim Zoll hängen bleiben. Hier leiden vor allem auch Logistik-, Speditions- und andere Transportunternehmen, die Verzögerungsrisiken zu tragen hätten und deren Zeitpläne erheblich durcheinandergeraten könnten.

Vorerzeugnisse aus Großbritannien, die bei der Produktion in der EU verwendet werden, werden nach einem Brexit nicht mehr als Ursprungserzeugnisse der EU gelten. Im Rahmen eines Freihandelsabkommens könnten die Parteien zwar neue Warenursprungsvereinbarungen treffen. Klar ist jedoch, dass viele Freihandels- oder Assoziierungsabkommen nur einen geringen Anteil an Drittlandserzeugnissen erlauben, bevor eine Ware ihren EU-Ursprung verliert.

Deutsche Produktionsunternehmen können deshalb künftig nicht mehr unbegrenzt auf Vorerzeugnisse zurückgreifen, die in Großbritannien hergestellt wurden. Es ist damit zu rechnen, dass Unternehmen ihre Einkaufsstrategie für Vormaterialien ändern, da sie oft darauf angewiesen sind, dass Zulieferungen zollrechtlich einen EU-Ursprung haben. Unabhängig davon, ob und welche Ursprungsvereinbarungen in ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien übernommen werden, dürfte sich der innerbetriebliche Aufwand zum Umgang mit den neuen, im Regelfall sehr komplexen Regelungen erheblich erhöhen. Leidtragende sind vor allem Logistik-, Speditions- und Transportunternehmen: Bricht der Bezug von Vormaterialien aus Großbritannien ein, ist mit einem deutlichen Rückgang entsprechender Aufträge für die Logistikbranche zu rechnen.

Was genau auf Unternehmen im Zuge des Brexit zukommt, kann erst nach Abschluss der Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU eindeutig festgestellt werden. Sicher erscheint bisher nur, dass Großbritannien die Zollunion verlassen wird und der Warenaustausch mit Großbritannien auf eine andere Regelungsgrundlage gestellt wird.

Quelle: www.dvz.de

Über den Autor

Michael Rosinski, Zollexperte, Berater für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht und Inhaber der Außenwirtschaftsagentur in Hamburg

MICHAEL ROSINSKI

INHABER / ZOLLBERATER


Michael Rosinski ist der Gründer der Zollberatung "Außen­wirtschaftsbüro Rosinski". Durch lang­jährige Erfahrung im Zollrecht hilft er seinen Kunden bei Schwierig­keiten in zollrechtlichen Belangen und unterstützt bei der Kommunikation mit dem Zoll oder Behörden.

In seinem Whitepaper erklärt er anhand von fünf Fallbeispielen, wie Sie sich die Arbeit mit Zoll und Co. erleichtern können.

Zum Abschalten kann es auch mal Fußball und Dosenbier sein. Wenn der HSV gegen den FC St. Pauli spielt, ist er für die Mannschaft aus Hamburg.

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